Valparolapass

Mai 2012. Im Rahmen einer Studienfahrt machte ich mich zusammen mit einigen meiner Kommilitonen auf nach Südtirol. Untergebracht waren wir in St. Ulrich in Görden, inmitten der Dolomiten. Natur, wunderschöne Berge und eine Atemberaubende Kulisse. 4 Tage lang sollten wir in den umliegenden Bergen, Fotos und Sphären für ein bevorstehendes Projekt für die Fotokina 2012 aufnehmen.

Der erste Tag begann mit Regen, Schnee und Nebel, weshalb wir mit der Arbeit nicht so recht anfangen konnten. Ich nutze zusammen mit 3 Freunden die Gelegenheit um das unbekannte Terrain zu erkunden und uns einen Überblick über die Gegend zu verschaffen.

Ohne zu wissen wo genau wir eigentlich waren, fuhren wir also los. Der Plan bestand darin die umliegenden Bergpässe abzufahren und nach potentiellen Fotolocations Ausschau zu halten.

Dies gestaltete sich aufgrund des Wetters dann doch nicht so leicht wie gedacht.

Tag 1 (26)

Valparolapass.

Nachdem wir schon seit einigen Stunden unterwegs waren und einige ziemlich beeindruckende Bergpässe abgefahren haben kamen wir zum Valparolapass. Der Pass befindet sich an der Grenze zwischen Venetien und Südtirol und schlängelt sich auf eine Höhe von 2192 m HÜdM. Oben angekommen entdeckten wir im Nebel ein Bauwerk was unsere Aufmerksamkeit auf sich zog.

Tag 1 (22)

Eine alte Ruine aus dem Ersten Weltkrieg. Wie sich später herausstellen sollte, befanden wir uns hier an einer Stelle an der im Ersten Weltkrieg über viele Jahre hinweg die Front verlief und ein erbitterter Stellungskrieg zwischen Österreichern und Italienern tobte.  Tausende starben hier, ganze Bergkuppen wurden gesprengt und massive Berge zu Festungen ausgebaut. Nach über 100 Jahren sind die Spuren des Krieges hier noch immer deutlich sichtbar und allgegenwärtig.
Wir machten Halt und versuchten uns, einen kurzen Überblick zu verschaffen. Bei der Ruine handelt es sich um das alte österreichische Sperrfort Tre Sassi. Es wurde 1897 zur Verteidigung der südlichen Grenzen des österreichisch- ungarischen Reiches erbaut. 1910 modernisiert, erwies es sich sofort als unzureichend gegenüber der inzwischen fortgeschrittenen zerstörerischen Fähigkeiten der Artillerie. Bald nach Beginn des 1. Weltkriegs wurde es durch italienische Artillerie teilzerstört. Als Kriegslist beleuchteten die Österreicher jedoch weiterhin das Fort von innen, um so den Eindruck zu erwecken, es wäre weiter im Einsatz. Die Fortruine wurde deshalb von den Italienern weiter beschossen. 2002 wurde die Ruine saniert und beherbergt seit dem ein Museum über den Krieg in den Dolomiten.

Die Lage des Forts  schien für unser Fotoprojekt ideal. Es liegt zwischen den 2 Berggipfeln, des Sass de Stria (Hexenstein) und des  Kleinen Lagazuoi, unterhalb des Forts liegt ein kleiner See und der Bergpass macht auch einiges her. Von dem was sich oben in den Gipfeln der Berge befand, wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nichts.

Der Wind wurde stärker, der Schneefall intensiver. Wir beschlossen, hier bei besserem Wetter zurück zu kommen.

Am dritten Tag war es dann soweit.

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Tag 3 (13)

Wir starteten unsere Tour unten am See. Ein Stück unterhalb des Sees stießen wir zum ersten Mal auf Schützengräben und weitere Festungsruinen.

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Die Neugier trieb uns voran. Die eigentliche Arbeit hatten wir schnell vergessen und folgten nun dem Verlauf der Schützengräben. Schnell stellten wir fest, dass sich diese nicht nur durch das flache Gelände ziehen, sondern sich auch den Berg  herauf fressen. So standen wir irgendwann am Fuße des Sass de Stria ( 2477m ) und begannen mit dem Aufstieg. Nach kurzer Zeit stießen wir auf einen Eingang zu einem gewaltigem Tunnelsystem welches beide Berge mit kilometerlangen Stollen durchzieht.

Der Mienenkrieg am Lagazuoi und Sass de Stria.

Nach der Kriegserklärung des zuvor neutralen Königreichs Italien, an die Österreichisch-Ungarischen Monarchie im Mai 1915, entstand in den Dolomiten einer der blutigsten und ungewöhnlichsten Schauplätze des Krieges.

Nach anfänglichen Erfolgen der Italiener, fraß sich die Front in den Berggipfeln der Dolomiten fest. Die Schlüsselstelle für einen Italienischen Vormarsch stellte der Valperollapass, welcher vom Lagazuoi-Massiv beherscht wird da. Wer den Lagazuoi hielt, hatte auch die Kontrolle über den strategisch wichtigen Valparolapass.
Der kleine Lagazuoi (2778m) und der Sass de Stria sperrten durch ihre beherrschende Lage, zusammen mit dem Sperrfort Tre Sassi, den Valparolapass und den Zugang zum Gadertal.

Nachdem die Italiener am 14. Juni 1915 den Sass de Stria im Handstreich erobert hatten, wurden sie am 18. Juni wieder vertrieben. Die Österreicher bauten ihn danach unaufhörlich mit Stellungen und einem langen Versorgungsstollen aus. Die Versuche der Italiener den Berg einzunehmen scheiterten zunächst und führten zu unglaublichen Verlusten auf beiden Seiten.

Die Lage änderte sich erst im Oktober 1915 als einem kleinen Trupp Gebirgsjägern unter Kommando von Leutnant Martini der Vorstoß in die Höhe gelang. Sie erklommen die Südwand des Lagazuoi, verschanzten sich und errichten die Stellung Cengia Martini. Von hier aus konnten die Italiener jetzt auch den Valperolapass ins Visier nehmen und den österreichischen Nachschub am Lagazuoi massiv stören. Versuche, die Italiener mit Infanterie von der Cengia Martini zu vertreiben, scheiterten. Klassische Waffensysteme und selbst der erstmalige Einsatz von schwerem Kriegsgerät in den Bergen, führte zu keiner Veränderung der Front.

Die Verluste auf beiden Seiten waren enorm. Jedoch vielen die meisten Soldaten nicht etwa feindlichem Beschuss zum Opfer, sondern der Natur. Frost und Lawinen kosteten hier tausende das Leben. Österreicher sowie Italiener suchten nun nach neuen Wegen sich militärisch einen Vorteil zu verschaffen und gleichzeitig ihre eigenen Verluste zu verringern.

Man grub sich ein. Der Minenkrieg begann.

In der Silvesternacht Ende 1915 zündeten die Österreicher die erste Mine. Dieser war zuvor oberhalb der Italienischen Stellung im Lagazuoi deponiert worden. Ziel war es durch die Detonation eine Steinlawine auszulösen, welche die Italiener wieder vom Berg holen sollte. Die Explosion war gewaltig, riesige Mengen an Gestein wurden aus dem Berg gesprengt und dennoch konnten die Italiener ihre Stellung halten. Sie wurde daraufhin weiter ausgebaut und gesichert.

_MG_8539Foto Birthe Möller

Bunker Innen (10)

Bunker Innen (9)

Bunker Innen (7)

Bunker Innen (5)

_MG_8574Foto Birthe Möller (unten sowie oben)

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In den Stollen gibt es immer wieder „Fenster“ nach außen. Von hier aus wurde der Gegner unter Beschuss genommen. Hier findet man noch zahlreiche MG Halterungen und Munition. Innerhalb der Stollensysteme gibt es immer wieder auch größere Räume in denen früher Technik, Schlafplätze und Lager untergebracht waren. Viele dieser Räume stehen teilweise unter Wasser und waren bei unserem Besuch mit Eis verziert.

Von nun an konzentrierten sich beide Seiten auf den Bau von Stollen und Sprengkammern. Die Italiener gruben Stollen in Richtung der Berggipfels, während die Österreicher versuchten sich nach unten zu graben. Es begann ein Rennen darum wer als Erster beim Feind ankommen würde, um ihn dann vom Berg sprengen zu können. Das Tempo mit dem die Stollen voran getrieben worden war atemberaubend. Mit einfachsten Mittel gruben sich so die Italiener mit etwa 10 Metern pro Tag in Richtung Gipfel. Im Berg entstand zu dieser Zeit ein riesiges Labyrinth aus kilometerlangen Stollen welche den ganzen Berg durchziehen. Den längsten Stollen von über 1200 Metern gruben die Italiener. In nur 5 Monaten legen sie so gut 400 Höhenmeter zurück und errichteten unterhalb der österreichischen Stellung am Gipfel eine große, mit 33 Tonnen Sprengstoff gefüllte Sprengkammer.  Am 20. Juni 1917 wurde sie gezündet, der italienische König schaute dem Feuerwerk aus sicherer Distanz von einer benachbarten Alpenstellung aus zu.

Doch auch dieses Ereignis führte zu keiner großen Veränderung an der Dolomitenfront. Zwar kostete die Explosion viele Österreicher das Leben und dem Berg seinen Gipfel, militärisch brachte es den Italienern aber keine Vorteile.

Der Ausgang des Dolomitenkrieges wurde an anderer Stelle entschieden. Im Oktober 1917 gelang den Österreichern der Durchbruch an der Isonzofront einige Kilometer östlich vom Valparolapass. Von hier aus nahmen sie Südtirol wieder ein und vertreiben die Italiener.

Südtirol viel trotz der Rückeroberung durch Österreich, nach dem Krieg als Kriegsbeute an Italien. Von dem vorher vereinbarten Nationalen Selbstbestimmungsrecht der Völker durften die Südtiroler keinen Gebrauch machen. Der teils bewaffnete Konflikt ging hier noch über viele Jahre weiter.

Am Valperolapass kehrte dagegen Ruhe ein. Am 3. November 1918 schwiegen schließlich die Waffen in Europa, die Soldaten verließen auch in den Alpen ihre Stellungen. Schon 24 Stunden nach Kriegsende, berichteten Veteranen später, habe am verfluchten Berg wieder vollkommene Ruhe geherrscht.

Erkundung

Bei unserem Besuch im Mai 2012 fanden wir noch fast vollständig erhaltene Stellungen vor. Die Spuren des Krieges sind hier noch allgegenwärtig. Stollen, die Schützengräben, Stellungen, Stacheldraht, Konservendosen der Soldaten, Patronenhülsen und sogar Messer zeugen heute noch vom Wahnsinn jener Tage. Der Zustand und die enorme Anzahl dieser Zeugen ist beeindruckend. Es ist fast so als ob die Stellungen erst vor kurzem verlassen wurden.

Im Laufe des Tages haben wir dem Gipfel des Sass de Stria erreicht. Von hier aus hat man einen unglaublichen Ausblick auf das umliegende Land und die Berge. Es ist paradiesisch schön.

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Während ich oben am Gipfel sitze und den Ausblick genieße versuche ich mir den Krieg hier oben vorzustellen. Was treibt Menschen dazu an soviel Aufwand und Anstrengung auf sich zu nehmen nur um sich gegenseitig töten zu können? Wie kann es sein das Menschen die über Jahrzehnte friedlich miteinander gelebt haben, auf einmal zu Todfeinden werden nur weil es irgendwelche Herrschaften oben befehlen. Es ist verrückt und unglaublich traurig.

Bisher stand der Graben- und Gaskrieg von Verdun für den Wahnsinn des Ersten Weltkriegs, über den Tod in den Alpen wissen nur wenige Bescheid. Aber vielleicht kann man die Absurdität dieses jahrelangen Völkerschlachtens nirgendwo besser auf den Punkt bringen als hier am Lagazuoi.

Die Sonne geht unter. Es wird dunkel. Wir machen uns an den Abstieg. So unvorbereitet wie wir diesen Ort gefunden haben, so schlecht sind wir auch ausgerüstet. Nicht einmal eine Taschenlampe haben wir dabei und so dauert der Abstig ewig. Als wir beim Auto ankommen ist es Nacht. Den Nachhauseweg treten wir mit gemischten Gefühlen an.

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Tag 3 (19)Ein Felsblock der im Krieg vom Gipfel gesprengt wurde, wurde vor einigen Jahren blau bemalt.

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Da wir bei unserem Besuch 2012 wenig Zeit hatten, schlecht ausgerüstet waren und kaum Informationen über den Ort hatten, sind uns hier leider viele spannende Dinge entgangen. Diesen Sommer mache ich mich wieder auf in die Berge. Es soll nun neben dem  Sass de Stria auch der wesentlich größere Lagazuoi mit seinem massiven Stollensystem unter die Lupe genommen werden. Ein Bericht und Bilder werden dann bei gegebener Zeit hier folgen.

Beste Grüße

Danko

Quellen, Infos & Links

 Wikipedia Tre Sassi Fort

Museum Tre Sassi Fort

Google Maps Valparolapass

Die Welt – Aufstieg zu den Spuren des Alpenkriegs

Artikel – Der Gebirgskrieg in den Dolomiten

Artikel – Der Minenkrieg in Tirol

Karten – Standort und Verlauf der Front am Lagazuoi & Sass de Stria

Artikel – Sass de Stria im 1. Weltkrieg Text und Bilder

Übersicht – Artikel und Bilder – Bunkeranlagen des 1. Weltkriegs in den Alpen

Filmtipp: Der Kampf um Südtirol – ZDF History

Unbenanntes_Panorama8

Tag 3 (24)Foto Birthe Möller

3 Gedanken zu “Valparolapass

  1. Hallo,
    schöner Bericht. Ich kenn die Gegend aus Sommer- und Winterurlauben seit meiner Kindheit und bin mit der Geschichte recht gut vertraut. Ich wollte nur anmerken, dass viele der Stellungen inzwischen bzw. auch schon 2012 restauriert worden sind, um das Andenken zu bewahren. Wirkliche „Originalgräben“ erkennt man teilweise nur noch durch genaues hinsehen. 100 Jahre Natur verdecken halt doch eine Menge.
    Falls Du Infos brauchst, kannst Dich gerne melden.

  2. Südtirol ist immer eine Reise wert, wie die Bilder ja auch belegen. Im Mountain Resort gibt es nun auch ziemlich viel Luxus, in welche Richtung sich Südtirol wohl gerne weiterentwickeln möchte. Bin gespannt, wie es dann aussehen wird.

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