Spuren des Irrsinns

Der Zweite Weltkrieg und die Zeit des Kalten Krieges haben nicht nur an der Oberfläche von Nürnberg ihre Spuren hinterlassen, sondern auch im Untergrund. So ist der Untergrund der Altstadt, heute durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Unter der nahezu kompletten nördlichen Altstadt erstreckt sich ein weit verzweigtes  Netz aus mehreren mit einander verbundenen Bunkeranlagen.  Im Norden dominieren Anlagen aus dem 2 Weltkrieg den Untergrund, im Süden sind es die Atombunker des Kalten Krieges.

Seit letztem Jahr treibe ich mich nun vermehrt im Untergrund herum und dokumentiere diese stillen Zeugen des Krieges und Kampfes der Systeme.

 

Atombunker in Nürnberg

Seit dem Inkrafttreten des Schutzbaugesetzes von 1965, wurden in Nürnberg bis in die 80ger Jahre etwa 21 „atomsichere“ Zivilschutzanlagen errichtet. In der Theorie hätten etwa 5% der Stadtbevölkerung 14 Tage lang in ihnen überleben können und vor radioaktiven Niederschlägen, biologischen Kampfmitteln und chemischen Kampfstoffen sicher sein sollen.

Die größten Anlagen in der Stadt hätten etwa 2500 Menschen aufnehmen können. Der Platz in den Bunkern war sehr knapp bemessen. Dies hatte zur Folge, dass man hier unten nur im Schichtbetrieb sitzen und liegen konnte. 16 Stunden sitzen, acht Stunden schlafen auf schmalen Pritschen. Das Herumgehen war nicht vorgesehen, um eventuelle Konfrontationen bzw. Aggressionen zu vermeiden(!). Die Dieselgeneratoren waren unglaublich laut und die Temperatur in den Bunkern hätte bei Vollbesetzung nie unter 30 Grad gelegen.

50 Leute hatten sich ein Waschbecken zu teilen, den ganzen Tag über wäre auf zwei Herdplatten Suppe gekocht worden. An Arznei gab es Beruhigungsmittel, Augentropfen und Kohletabletten. „Der Bunkerwart und die Männer vom Technischen Hilfswerk waren nicht darin ausgebildet, mit einer solchen Menge an Menschen umzugehen“. Man hätte sich darauf verlassen, dass ein Arzt unter den Schutzsuchenden ist. Tote hätte man in Leichensäcken in die Eingangsschleusen geschafft.

Bundesweit wurden Bunker nach dem selben Konzept gebaut.

Ob die Bunker im Ernstfall irgendwas gebracht hätten, ist stark anzuzweifeln. Mal davon abgesehen dass sich die Radioaktivität an der Oberfläche wohl nach 2 Wochen noch nicht verzogen hätte, wäre vor allem der Platzmangel und die Hitze im Bunker der Tod.

Die Gänge zwischen den Betten, die Toileten und Bäder, ach eigentlich alles da unten ist so extrem platzsparend angelegt, das selbst ich (die, die mich kennen wissen das ich alles andere als dick bin) Probleme hatte mich dort problemlos fort zu bewegen.

Kaum vorstellbar was hier im Ernstfall abgegangen wäre. Platzmangel, Hitze, Lärm, Panik und Menschenmassen…

Kein Wunder also dass der Bau von Zivilschutzanlagen wärend des Kalten Krieges im Allgemeinen, oft in Frage gestellt und kritisiert wurde.

Der Schutzraumbau hatte seit seiner Wiederaufnahme bis zum Ende des Kalten Krieges stets einen schweren Stand. Vorbehalte gab es sowohl auf Seiten der Bevölkerung als auch auf Seiten der Politik. Konrad Adenauer war beispielsweise anfänglich der Auffassung, dass eine zu offensive Luftschutzpolitik möglicherweise einen drohenden Krieg wahrscheinlicher machen würde: „Da muss ja der Verdacht kommen, wir wollen den Krieg vorbereiten“ (Spiegel, Heft 43, 1977, S. 108). Eine ähnliche Auffassung vertrat auch der deutsche Nato-Generalleutnant und spätere Friedensforscher Wolf Graf von Baudissin, der befürchtete, dass übermäßige Anstrengungen im zivilen Luftschutz einen Gegner nur beunruhigen würden und einen Krieg wahrscheinlicher machten. Die „Geiselrolle“ einer ungeschützten Bevölkerung führe dazu, dass ein Krieg unter allen Umständen verhindert werde, wohingegen eine vollständig geschützte Bevölkerung die Annahme begünstigen könne, ein atomarer Krieg sei ohne übermäßige Verluste führbar. Die Luftschutzbefürworter argumentierten dagegen, dass der Luftschutz bereits im Zweiten Weltkrieg wesentlich höhere Verluste unter der Zivilbevölkerung verhindert habe und ein gut ausgebauter Luftschutz dem Gegner die schwache Wirksamkeit seines Angriffes vor Augen führe. Auf Seiten der Friedensbewegung brachten es Parolen wie „Wer Bunker baut wirft Bomben“ oder „Tierschutz ist besser als Zivilschutz, denn Tierschutz ist für alle Tiere, aber Zivilschutz ist nur für die Katz“ zu einer gewissen Popularität. Darüber hinaus waren weite Teile der Bevölkerung der Auffassung, dass gegen die neuartigen Gefahren eines atomaren Schlagabtausches auch kein Schutzraum mehr helfe und, selbst wenn ein unmittelbarer Angriff lebend überstanden werde, ein Weiterleben danach ausgeschlossen sei. 

Selbst die Planer dieser Anlagen waren sich damals bewusst, dass die Bunker im Ernstfall nutzlos gewesen wären und wenn dann nur eine psychologische Wirkung gehabt hätten. „Man wollte den Menschen ein bisschen Hoffnung geben.“ 

Für viele, vor allem aus meiner Generation wirkt das Ganze vor allem beim betrachten der Kosten und des Arbeitsaufwandes bei Bau solcher Anlagen wie purer Irrsinn.

Steht man aber erst mal in so einem Bunker und schaut sich um, schließt kurz die Augen, wird es einem aber schnell klar. Diese Bunker sind ein eindrucksvolles Zeugnis einer Zeit, in der die Angst vor einem Dritten Weltkrieg real war. Einer Zeit in der man sich vor etwas versucht hat zu schützen vor dem es eigentlich keinen Schutz gibt. Zumindest keinen den man mit Stahl und Beton bauen kann.

Heute findet man noch zahlreiche dieser Zeugen im Nürnberger Untergrund im Originalzustand vor. Die Lager sind noch voll, die Einrichtung ist vorhanden, die Technik ist funktionsfähig und einsatzbereit. Die Stadt und der Staat bringen nach wie vor Geld für die Instandhaltung dieser Gebäude auf. Was dadurch entsteht sind einzigartige Zeitkapseln aus der Vergangenheit, die die Angst und Sorgen konserviert haben und noch heute spürbar machen. Die Atmosphäre hier unten ist bedrückend und melancholisch. Es ist Beton gewordene Angst.

Viele der Bunker sind nach wie vor im Besitz des Bundes, werden aber nach und nach abgewickelt um sie einer neuen Nutzung zu zuführen. Einige sind in den letzten Jahren aufgegeben worden und laufen nun voll Wasser. Viele werden in Zukunft leer geräumt werden. Sie werden weniger.

Einer dieser Bunker wurde Mitte des letzten Jahres nun unter Denkmalschutz gestellt und wird bewahrt werden.

Der Krebsgassenbunker.

Er ist mit dem Baujahr 1965 der älteste seiner Art in Nürnberg und sollte auf 2 Ebenen, knapp 2000 Menschen Platz bieten. Hier befindet sich noch alles im Originalzustand. Er ist fast unberührt und da in Privatbesitz auch noch relativ unbekannt.

Von der Krebsgasse aus geht es in den Bunker.

IMG_6251

Die massive Stahltür sollte die Menschen im Inneren schützen. Sie ist die größte ihrer Art in Nürnberg.

IMG_6252

IMG_6255

IMG_6258

IMG_6279

IMG_6408

Im Bunker ist es unglaublich eng und voll. Auch ohne Menschen.

IMG_6392

IMG_6399

IMG_6349

IMG_6401

IMG_6312

IMG_6352

IMG_6372

IMG_6334

IMG_6294

Hauptbahnhofbunker.

Der Atombunker unter dem Hauptbahnhof ist einer der größten in der Stadt. In ihm sollten auf 2 Stockwerken 2500 Menschen Platz finden. Er ist heute nur noch teilweise erhalten. Während das obere Stockwerk umgebaut wurde und heute die Bahnhofsmission beherbergt, ist das untere Stockwerk noch im Originalzustand erhalten. Hier finden oft Führungen statt.

Er wurde Mitte der 70ger Jahre während des U-Bahnbaus gebaut und befindet sich auf Höhe der U2 und U3 Gleise.

Design Bla Bla: Die Einrichtung und Gestaltung (Design) des Bunkers entspricht in etwa dem der restlichen Anlagen in der Stadt. Während die älteren Bunker noch relativ unterschiedlich gestaltet waren, wurden die neueren Anlagen einheitlich eingerichtet.

Foto vom Bau der U-Bahn und des Bunkers.

hbf-ubahnbau

Querschnitt Hauptbahnhof

HBF-Schnitt

Fotos aus dem Bunker.

IMG_8654

IMG_8696

IMG_8714

IMG_2184

IMG_2145

IMG_2138

IMG_8728

IMG_8739

IMG_8735

IMG_8742

Die Küche in der für 2500 Menschen gekocht werden sollte.

IMG_2211

IMG_8660

IMG_8665

IMG_2218

Bunkerwart Zimmer.

IMG_2200

IMG_8668

IMG_2203

Lager

IMG_8724

IMG_8708

IMG_8701

IMG_8705

IMG_8702

IMG_2157

Der Stromgenerator. Die einzige Energiequelle im Bunker. Der Diesel für den Generator hätte genau für 2 Wochen gereicht.

IMG_2175

IMG_8692

IMG_8727

Die Bunkeranlage liegt räumlich zwischen dem U-Bahn-Geschoss und der Ebene der Eingangshalle. Sie ist hermetisch abgeriegelt, so dass in ihr permanent andere Druckverhältnisse herrschen. Integriert ist eine Filteranlage für die (potenziell vergiftete bzw. erhitzte) Luft, die von außen zugeführt, evtl. durch Sand abgekühlt und gefiltert werden muss.

IMG_2242

IMG_2235

IMG_2250

Auf diesem Bild sieht man nummerierte Steine vor dem Eingang zur Filteranlage für die Luft. Ihr Zweck ist es, die Filteranlage nach der Kontamination unbegehbar abzuriegeln.

IMG_8768

Stromausfall.

Bei Ausfall des Stroms bzw des Lichtes in den Bunkern, hätte man sich dennoch für einige Zeit orientieren und fortbewegen können.

Flure, Treppen, Türen, wichtige Gegenstände und Beschriftungen sind in fluoreszierender Farbe bemalt.

Schalten man im Bunker das Licht aus, taucht man auf einmal in eine ganz andere und surreale Welt ein. In eine Welt von grünen Strichen und Punkten.

Ich habe versucht die Stimmung und Szenerie bei Dunkelheit auf folgenden Fotos einzufangen.

Blende 11, Iso 100, Belichtungszeit ca 30 Minuten

IMG_6413

IMG_6417

IMG_6419

IMG_6420

IMG_2266

IMG_2264

IMG_2115

IMG_2114

Vielen dank an Bernhard Hebendanz.

Beste Grüße

Danko

Quellen, Links und Fotos

Dankos Flickr Set Krebsbunker

Dankos Flickr Set Hauptbahnhofbunker

Blogpost Der Wenz 360° Panorama Aufnahmen aus dem Waffenhof Bunker

Blogpost Der Wenz Fotos aus dem Färbertorbunker

Buch – Der Atomkrieg vor der Wohnungstür

Sehr spannender Artikel über Zivilschutzanlagen in Deutschland – Geschichtsspuren.de

Netz 10 Dokumentation des Hauptbahnhofbunkers

Schutzbaugesetz

Blogpost Bahnhofsbunker Nürnberg

Blogpost Der Atomschutzbunker – Gleistreff

Fotostrecke Färbertorbunker

NN Artikel zum Krebsbunker

VIDEO Krebsbunker wird unter Denkmalschutz gestellt

3 Gedanken zu “Spuren des Irrsinns

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s